Fundraising im Home-Office: worauf es jetzt ankommt

Viele haben die ersten Tage im Home-Office hinter sich und stellen fest: Das ist anders … Oft sind die technischen Voraussetzungen noch das kleinste Problem. Der Umstieg aufs Home-Office hat viel mit Selbstfindung zu tun. Man lernt sich von einer anderen Seite kennen: Bin ich so diszipliniert, wie ich dachte? Kann ich mich gut organisieren? Wie komme ich ohne das Team im Rücken aus?

Als ich mich vor zehn Jahren selbstständig machte, startete ich das Projekt Home-Office. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich da angekommen bin, wo ich heute bin: in der für mich besten aller Formen, in der ich gerne und gut arbeite.

Kurze Wege sind unschlagbar

Wie den meisten in diesen Tagen fiel es auch mir am Anfang schwer, keine Menschen um mich herum zu haben. Schließlich war ich es seit dem Kindergarten gewohnt, von montags bis freitags mit einer festdefinierten Gruppe zusammenzukommen. Nun saß ich da allein. Ich probierte es mit Co-Working-Spaces und Bürogemeinschaften. Aber fast jede Woche stellte ich verwundert fest, dass ich häufiger zu Hause geblieben war, als im externen Büro zu sitzen. Der kurze Weg von Bad bis Schreibtisch war unschlagbar. Nur die sozialen Kontakte fehlten.

Virtuelle soziale Kontakte sind auch soziale Kontakte

Mittlerweile pflege ich diese wunderbar übers Telefon. Nicht jeden Tag, aber regelmäßig. An stressigen Tagen bin ich dankbar, mich auf die Arbeit konzentrieren zu können. An anderen greife ich bewusst zum Hörer und tausche mich mit anderen Freiberuflern und Home-Office-Kollegen aus. Irgendwo sitzt immer jemand zu Hause und freut sich auf eine Pause. Fernmündliche Kaffee- und bei schönem Wetter auch mal gemeinsame Raucherpausen geben wieder Push für den weiteren Tag. Dazu kommen die Kontakte mit meinen Kundinnen und Kunden. Ich greife häufiger zum Telefonhörer als zur Tastatur. Vieles lässt sich telefonisch ohnehin besser regeln und es festigt die persönliche Beziehung.

Meine sozialen Kontakte sind jetzt fokussierter als früher (dann, wenn ich sie wirklich brauche) und auf mehrere Personen verteilt. Dabei wird auch privat geplaudert. Genauso wie in jedem Büro an der Kaffeemaschine. Das ist einfach wichtig fürs Wohlbefinden und kein Grund (mehr) für ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht 100 Prozent produktiv war. Aber wer schafft das schon jeden Tag?

Ein fester Arbeits-Platz in der Wohnung ist von Vorteil

Eigenbestimmte Zeiten sind ein riesiger Vorteil im Home-Office. Aber die zweite große Herausforderung. Es erfordert zu Beginn einiges an Disziplin, in den eigenen vier Wänden auf Arbeitsmodus umzuschalten. Räume haben einen großen Einfluss auf unser Denken und Tun. Ein fester und komplett eingerichteter Platz, idealerweise in einem eigenen Raum, ist daher von Vorteil. Viele werden derzeit den Rechner mangels Alternativen am Küchentisch aufbauen. Wenn der abends wieder zum Esstisch wird, fällt es schwerer, tagsüber ein echtes Arbeitsgefühl zu entwickeln.

Variable Kernarbeitszeiten im Home-Office helfen planen

Feste Kernarbeitszeiten helfen ebenfalls, um nicht mittags festzustellen, dass man sich nur um die Wäsche gekümmert hat. Ich bin im Laufe der Jahre auf „fixe Zeiten mit Ausnahmen“ gekommen. Es gibt relativ feste Anfangs- und Endzeiten, die einerseits meinem Biorhythmus entgegenkommen und gleichzeitig ermöglichen, dass mich Kunden und Kollegen während ihrer Arbeitszeit erreichen können (und ich sie). Abende und das Wochenende halte ich mir weitestgehend frei.

Am Anfang habe ich frei verteilt gearbeitet. Dadurch hatte ich viel freie Zeit zwischendurch, aber gleichzeitig das Gefühl, permanent zu arbeiten. Jetzt arbeite ich nur noch in Spitzenzeiten außerhalb meiner Kernzeiten oder wenn ich die Tage doch privat genutzt habe.

Vieles geht im Home-Office schneller

Auch hierbei hatte ich anfangs ein schlechtes Gewissen, wenn ich tagsüber einkaufen war, mal die Sonne genossen oder zu viel im Internet recherchiert habe. Jetzt ist für mich nicht mehr entscheidend, wie viele Stunden ich am Ende des Tages (oder der Woche) gearbeitet habe, sondern ob ich mein Pensum geschafft habe. Vieles geht im Home-Office schneller (weil weniger mit Kollegen diskutiert und besprochen wird, weil man in weniger Projekte der anderen „nebenbei“ mit reingezogen wird) und auch Arbeitswege fallen weg. Wer sonst von 8 bis 18 Uhr unterwegs war und jetzt seine Arbeit bis 16 Uhr erledigt bekommt, der darf die zwei Stunden anderweitig nutzen. Wer trotzdem bis 18 Uhr schafft, kann sich am nächsten Tag ausgiebig um die Wäsche kümmern. Was spricht dagegen?

Empfehlung fürs Home-Office: den eigenen Weg finden

Ich habe mit vielen Home-Office-lern Kontakt und weiß: Es gibt nicht den einen perfekten Weg, im Home-Office zu arbeiten. Es gibt unzählige. Das Schöne am selbstbestimmten Arbeiten ist, dass jeder es so gestalten kann, wie es am besten zu ihr oder ihm passt. Wie genau das aussieht, ist aber oft ein Prozess des Ausprobierens. Es ist halt was anderes. Und wer in diesen Wochen merkt, dass er lieber klare Vorgaben von außen hat, eine Trennung zwischen Büro und Privatleben braucht oder technische Mittel zum Kontakthalten verabscheut, der wird sich umso mehr auf die Rückkehr freuen. Alle anderen haben ihren Vorgesetzten bewiesen, dass es geht. Und sei es nur für einige Tage der Woche. Am Ende profitieren beide Seiten, wenn das Arbeitsleben entspannter läuft.

Text: Danielle Böhle
Foto: AdobeStock/ agcreativelab

Die Autorin:
Dipl.-Psychologin Danielle Böhle liebt es, Menschen zu unterstützen, die sich der guten Sache verschrieben haben. Mit Leidenschaft berät sie seit 2011 gemeinnützige Organisationen als Expertin für psychologische Spenderansprache, Spenderbindung und Spendersicht.

Mehr zur Autorin unter www.goldwind-bewirken.de


Mehr praktische Tipps und Ideen rund ums Spenden für Vereine, Organisationen und Stiftungen gibt es im gedruckten Heft. Das Fundraiser-Magazin ist nicht am Kiosk erhältlich, nur exklusiv beim Verlag. Hier geht’s zur Bestellung.