Etwas zu vererben, hat einen biografischen Bezug

Almuth Wenta berät seit über 15 Jahren Menschen zu Erbe und Testament in gemeinnützigen Organisationen. Matthias Daberstiel sprach mit der engagierten Fund­raiserin beim BUND e.V. über ethische Grenzen, Bauchgefühle und Reaktionsgeschwindigkeit im Nachlassfundraising.

Wie sind Sie Nachlass-Fundraiserin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND e.V.) geworden?
Ich habe schon bei „Ärzte ohne Grenzen“ ab 2005 das Thema mit aufgebaut. Es gab damals die Einsicht und Notwendigkeit, das bekannter zu machen. Bei „Amnesty“ war ich im Anschluss zwei Jahre und habe auch dort das Thema inhaltlich verantwortet und bin dann vom BUND angesprochen worden, mit der Maßgabe, eben vor allem in diesem Bereich zu arbeiten und ihn weiterzuentwickeln. Das habe ich gerne gemacht und ich habe tatsächlich gerade mein zehnjähriges Jubiläum beim BUND im Nachlass-Fundraising.

Wer interessiert sich denn klassischerweise für ein Testament zugunsten des BUND?
Das ist unterschiedlich. Wir sprechen mit verschiedenen Menschen; das geht los ab Anfang 50 – und scheint mir auch so ein bisschen im Kontext einer möglichen Midlife-Crisis zu stehen. Das ist so eine Markierung. Dann der Auszug der Kinder. Der endgültige Auszug, das ist Anfang 60. Also ich würde sagen, gut 60 bis 70 Prozent stehen mitten im Leben und sind zwischen Anfang 50 und Mitte 60. Dann gibt es auch einen Teil derer, bei denen es die Notwendigkeit gibt, aus einer plötzlichen Krankheit, einem biografischen Ereignis – jemand ist verstorben – oder auch einer eigenen Erkrankung, bei der der Ausgang nicht sicher ist.

Es gibt definitiv
eine erhöhte Nachfrage nach
Testaments-Infor­ma­tionen

Man hört so viel von der berühmten Erbschaftswelle. Stellen Sie eine erhöhte Nachfrage nach Testaments-Infor­ma­tionen fest?
Das kann ich eindeutig bejahen. Ich merke, dass die Menschen insgesamt informierter sind. Fragen wie: „Ach, Organisationen kön­nen auch Erben werden?“ oder „Ich kann Ihnen etwas vermachen?“, höre ich heute prak­tisch nicht mehr. Die Menschen infor­mie­ren sich viel mehr und sind insgesamt reflektierter. Etwas zu vererben ist kein sponta­ner Einfall, sondern hat einen biografischen Bezug. Und ich nehme auch wahr, dass die Leute tatsächlich in ihren Fragen tiefergehend, detailgenauer sind. Das heißt: Wir machen eigentlich keine Erstberatung mehr, sondern gehen im Gespräch schon sehr in die Tiefe. Das hat auch damit zu tun, dass neben dem BUND auch andere Organisationen oder auch die gemeinsame Erbschaftsinitiative sehr breit informieren. Von dieser Offenheit für das Thema profitieren wir alle.

Interessant ist aber, dass viele Organisationen von Erbschaften überrascht werden, ihre Nachlassgeberinnen und -geber gar nicht kennen. Wie ist das beim BUND?
Die Frage ist tatsächlich, wie echt die Über­ra­schung ist. Das Thema „Institutional Readi­ness“ im Zusammenhang mit dem Erbschafts-Marketing ist für mich ein zentrales The­ma. In einer Organisation oder auch in einem kleinen Verein ist ja die Frage, ob die Ent­schei­dungs­trägerinnen und Ent­schei­dungs­träger zu dem Thema Bescheid wissen. Irgend­jemand, das ist meine Arbeitsthese, weiß da immer Bescheid; aber sind es auch die, auf die es dann ankommt? Beim BUND gibt es wie bei anderen Organisationen auch sogenannte „kalte Erbschaften und Ver­mächt­nisse“ – ein schrecklicher, aber doch ver­wendeter Fachterminus. Das sind unter 20 Prozent. Es kann teilweise sein, dass es viele Jahre keinen Kontakt gab, dass wir diese Menschen auch durch Reaktivierungsmaßnahmen nicht mehr erreichen, und es gibt tatsächlich auch Menschen, die zu ihren Lebzeiten keinen offensichtlichen Kon­takt zu mir oder zum Fundraising-Team ge­sucht haben. Sie können natürlich trotzdem lei­den­schaftliche Naturschützerinnen und Natur­schützer gewesen sein.

Welche Motive nennen Nachlass-Geberinnen und -Geber?
Vermächtnisse und Testamente haben einen hohen biografischen Bezug. Typische Sätze sind zum Beispiel: „Als Kind habe ich dem Großvater auch immer bei den Bienen geholfen, und das hat mich nicht mehr losgelassen. Deshalb ist mir das Bienensterben ein großes Anliegen.“ Oder: „In meiner Kindheit bin ich noch in der Elbe geschwommen und war ganz traurig, dass es viele Jahre nicht ging.“ Das heißt: Die Menschen stellen einen Bezug zu ihrem Leben her. Das kann kindheitsbezogen sein, das kann aber auch durch einen Partner sein, der neue Impulse setzt, oder durch die eigenen Kinder und Enkel. In all diesen Gesprächen wird in einem gewissen Automatismus die Motivation des Gebens benannt, und diese Motivation speist sich zu fast 100 Prozent aus biografischen Familienbezügen.

Das klingt nach sehr vertrauensvollen, fast freundschaftlichen Gesprächen.
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Es ist tatsächlich so. Manchmal erinnern mich solche Gespräche an meine ehrenamtliche Arbeit als Seelsorgerin. Das ist eine ähnliche Situation. In der Tat lassen sich die Menschen an einem gewissen Punkt auf ihr Gegenüber – in diesem Fall mich – ein. Es geht zum Beispiel in solchen Gesprächen auch darum, nach unehelichen Kindern zu fragen. Es wird von der anderen Seite begründet, warum das Verhältnis zu den eigenen Kindern nicht gut ist und sie deshalb nur den Pflichtteil bekommen. Es wird begründet, warum die eigenen Geschwister nichts erben sollen. Es ist tatsächlich ein tiefer familiärer Einblick.

Wie wahrt man da den professionellen Abstand?
Professionalität ist essenziell. Ich selbst wahre die Distanz auch in einem sehr, sehr dichten Gespräch dadurch, dass ich mir jederzeit bewusst bin, in welcher Funktion ich da bin. Nämlich als Vertreterin des BUND; ich versuche das immer wieder auch auf den BUND zu übertragen und mich tatsächlich von Bewertungen, Kommentierungen und Ähnlichem frei zu machen. Das ist unerlässlich, und im Übrigen – das muss ich auch klar sagen –, wenn ich zu jemandem nach Hause fahre, dann tue ich das nie alleine. Das ist ein Erfahrungswert. Das habe ich früher – ich war ja noch ziemlich jung, als ich damit angefangen habe – auch anders gemacht. Heute würde ich jedem empfehlen, eine Kollegin oder einen Kollegen hinzu zu bitten, um gegebenenfalls eine zu große Nähe dadurch aufzulösen, dass noch jemand dabei ist. Und wenn ich das noch ergänzen darf: Es ist in unserer eigenen Verantwortung, zu spüren, dass dir jemand zu nahekommt oder dir eine Rolle zuschreibt, die du nicht hast. Und dieses Gespür hat jeder, da bin ich mir ziemlich sicher, und sei es nur ein ganz, ganz kleines ungutes Bauchgefühl. Dann sollte man auch reagieren und sich abgrenzen.

Wie kann oder sollte das aussehen?
Es ist zulässig, zu sagen: „Wissen Sie, ich merke jetzt gerade, das geht in eine andere Richtung. Da bin ich mir jetzt unsicher, ob das eine gute Richtung ist. Lassen Sie uns doch lieber über etwas anderes sprechen.“ So nehme ich mein Gegenüber ernst, indem ich die eigenen Grenzen und Befindlichkeiten klar transportiere.

Sicher werden Sie auch mit Wünschen konfrontiert: Zum Beispiel Fragen nach Grabpflege oder nach Versorgung von Haustieren nach dem Tod. Wie gehen Sie damit um?
Also, das sind zwei Themen, die in einem Testament absolut nichts zu suchen haben. Die Versorgung eines Tieres muss zu Lebzeiten geregelt werden. Im Testament kann nur geregelt werden, dass jemand Geld dafür bekommt. Auch Fragen zum Grab sind natürlich in einer Bestattungsvorsorge zu klären.

Warum?
Zwischen dem Versterben des Menschen und der Eröffnung des Testaments liegen gerne mal sechs bis acht Wochen. In dieser Zeit ist Fiffi leider verhungert, wenn erst durch die Testamentseröffnung klar wird, dass der Nachbar sich kümmern soll, der davon nichts weiß. Und: In Deutschland gibt es die Bestattungspflicht. Das heißt, derjenige liegt schon längst im Grab, während dann im Testament steht, er wollte unbedingt auf der See bestattet werden. Davon werden sich die Angehörigen unter Umständen nie wieder erholen. Von daher ist dies Teil meiner Beratung.

»Wir sind keine
therapeutische Einrichtung
für kaputte Ehen oder
zerrüttete Familien.«

Gab es Gespräche, die Sie sehr berührt oder verärgert haben?
Was wir nie machen – das ist eine ethische Grenze – ist, Menschen zu beraten, ihre Kinder zu enterben. Juristisch ist das sogar möglich. Aber wenn Menschen bei mir anrufen und sagen: „Mein fauler Sohn soll nichts erben!“, dann ist das Gespräch quasi beendet. Das bestürzt mich auch, wenn die Familiengeschichte da so hasserfüllt und destruktiv ist. Auf diese Ebene begeben wir uns nicht. Wir sind keine therapeutische Einrichtung für kaputte Ehen oder zerrüttete Familien.
Was mich betroffen macht, ist, wenn Menschen zugesagte Vermächtnisse oder Erbschaf­ten zurückziehen, weil sie sich sozial so verschlechtert haben, dass sie ihr Versprechen nicht halten können. Dann bemerke ich die Scham, sogar die Verzweiflung; und dann möchte ich eigentlich total unprofessionell durch das Telefon steigen und diesen Menschen in den Arm nehmen und sagen: „Es tut mir leid. Ein ganzes Land muss sich bei Ihnen ent­schul­di­gen, dass wir Sie in diese Situation ge­bracht haben, dass Sie jetzt in Altersarmut leben.“ Das ist mir schon passiert, und das ist dann auch schwer auszuhalten.

Muss man als Nachlass-Fundraiserin dann eigentlich immer Gewehr bei Fuß stehen, um den entscheidenden Anruf nicht zu verpassen?
Es geht nicht um eine alles überlagernde Reaktionsgeschwindigkeit, sondern um Offen­heit. Und damit meine ich eine Offenheit den Menschen gegenüber. Wir haben so verschiedene Menschen, die sich an uns wenden, und das trifft auf jede Organisation zu, da bin ich sicher. Sich diese Offenheit zu bewahren, ob nun zur jeweiligen Tageszeit oder auch am Freitagnachmittag, ist ganz entscheidend. Aber man kann auch hier Grenzen ziehen.

Wie gestaltet man diese Grenzen am besten?
Wenn es zeitlich einfach nicht geht, sollte man das klar benennen und sagen: „Ich rufe Sie gerne am Montag an. Bitte haben Sie Verständnis. Das ist mir sehr, sehr wichtig, was wir beide besprechen wollen. Deshalb braucht es auch den Raum, und den hat es gerade nicht.“ Also auch hier wirklich auf sich schauen, mit Offenheit agieren und nicht dasitzen und sagen: „Ja, ja, kenne ich schon; habe ich alles schon x-mal gehört.“ Das hilft nicht weiter.


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